Großvenediger

„Im Reich des Tauernfürsten“

Auf Hüttentour im Reich des Tauernfürsten, dem Großvenediger (3.667 m), in den Hohen Tauern. Elf Tage Trekking von Hütte zu Hütte mit Besteigung des Großvenedigers vom 31. August bis zum 10. September 2008.

 


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Tag 1: Von Hinterbichl zur Essener-Rostocker-Hütte

Ausgangspunkt für unsere diesjährige Hüttentour ist Hinterbichl im Virgental. Hinterbichl ist ein in sich abgegrenzter Ortsteil der Gemeinde Prägraten am Großvenediger im Talschluss des Virgentals in Osttirol. Der Ortskern gruppiert sich um den Zusammenfluss zwischen Isel und Dorferbach und liegt auf 1.330 Meter Höhe. Hinterbichl lebt heute im Wesentlichen von einem ruhigen Tourismus, der im Sommer vorzugsweise Bergwanderer und Bergsteiger und in den Wintermonaten Langläufer und Skitourengeher anzieht. Für viele Touren bietet der Ort eine gute Ausgangsposition.

Unsere Hüttentour startet am 31. August 2008 um 10.00 Uhr vor unserer Unterkunft, dem traditionsreichen Islitzer Gasthof in Hinterbichl im Virgental. Die meisten sind schon ein paar Tage vorher angereist, um sich schon einmal an die Höhe und das Klima der Alpen zu gewöhnen. Heidrun jedoch wird erst am nächsten Tag auf der Johannishütte zu uns stoßen. Armin, der mit Gila zusammen ja die ganze Tour geplant und organisiert hat, wird selbst leider nicht an der Tour teilnehmen, da er sich im Frühjahr des Jahres beim Skifahren einen Kreuzbandriss zugezogen hat. Stattdessen wird er vom Basiscamp in Hinterbichl Kontakt zu uns halten. Wir verabschieden uns von ihm und fahren zunächst mit dem Postbus eine Station in Richtung des Maurertals.

Mit Hilfe der Busfahrt ersparen wir uns eine gute halbe Stunde Weg auf der Teerstraße. Ab dem Parkplatz Ströden auf 1.403 Meter Höhe müssen uns dann unsere Füße die nächsten 11 Tage tragen. Von der Endstation aus beginnen wir, zusammen mit vielen Tagesausflüglern, auf einer Fahrstraße,  zuerst durch Schatten und später in der prallen Sonne, emporzusteigen. Die Fahrstraße geht nach einiger Zeit in einen schmalen Wanderpfad über, auf dem wir zügig Höhe gewinnen.

Die Landschaft nimmt uns von Beginn an für sich ein. Der lichte Baumbestand bietet hin und wieder einen willkommenen Schutz vor der Sonne. Die Blicke werden freier und im ersten Anblick der Gletscher machen wir immer mal wieder Halt um zu schauen. Ständig hört man den Maurerbach im Talboden. Hinter der Stoanalm passieren wir die Talstation der Materialseilbahn zur Essener-Rostockerhütte. An dem Wasserfall des Maurerbachs haben die Venediger-Bergführer einen Klettersteig angelegt.

An einer Kurve des Weges stehen wir vor den rauschenden Wassern des Maurerbachs. Die feinen Wassertropfen, die unsere Haut benetzen, sind nach dem Aufstieg in der Mittagshitze eine Wohltat. Nach einem nun folgenden kurzen Anstieg kommen wir an der von Tagesausflüglern belagerten Essener-Rostocker-Hütte auf 2.208 Metern Höhe an. Die Hütte ist sehr gut besucht, sie ist ja auch ein lohnendes Ausflugsziel. Wir stärken uns zunächst bei einer Suppe machen eine kurze Rast.

Nach dieser kurzen Pause macht sich ein Teil der Gruppe zum Simonysee, ein anderer Teil zum Rostocker Eck auf, unseren ersten gemeinsamen Gipfel in diesem Jahr, mit seiner Höhe von 2.748 Metern zu erklimmen. Es geht in urtümlicher Landschaft auf einer Seiten-Moräne des Simonygletschers immer weiter in Richtung Gipfel. Zu fünft bewältigen wir die 540 Höhenmeter. In der Tiefe erblicken wir den Simonysee mit dem Simonygletscher.

Am Gipfel des Rostocker Ecks angekommen genießen wir das tolle Panorama mit den gletscherbedeckten Bergen. Sie sind nahezu fast alle über 3.000 Meter hoch. Wir haben einen tollen Blick auf die Dreiherrenspitze und auf die Simonyspitzen.  - Die Bergwelt der Großvenedigergruppe heißt uns willkommen -.

Tag 2: Von der Essener-Rostocker-Hütte zur Johannishütte

Am nächsten Morgen verlassen wir nach einem reichhaltigen Frühstücksbüfett die Essener-Rostocker-Hütte. Unser heutiges Tagesziel ist die Johannishütte. Nach dem abendlichen Gewitter und dem Wetterbericht haben wir heute Morgen Regen erwartet. Stattdessen präsentiert sich der Tag sehr freundlich.

Zunächst wandern wir ca. 100 Meter zum Maurerbach hinab um dann parallel zu diesem dem Talabschluss entgegen zu streben. Schon wenige Meter hinter der Essener - Rostocker -Hütte treffen wir auf Kühe, die vor einer prächtigen Kulisse direkt am Gletscherschliff weiden - ein herrlicher Kontrast. Nun geht es in einigen Kehren und Anstiegen ca. 600 Höhenmeter hinauf in Richtung Türmljoch. Der Weg führt mitten durch weite Flächen von Alpenkratzdisteln. Auch ist die Pflanzenwelt hier recht vielseitig. Unsere Augen werden nicht nur von der Weite der Landschaft sondern auch von den Kleinoden am Weg in Bann gezogen. Glockenblumen und Nelkenwurz erfreuen das Herz.

Die letzten Meter führen nahezu eben bzw. nur mit einer leichten Steigung dem Joch entgegen. Vor uns liegt es nun, das sogenannte Türml, mit seiner markanten Felsgestalt. Als wir das Türmljoch auf 2.790 Metern erreichen, machen wir erst einmal eine ausgiebige Pause.

Während wir alle die schöne Aussicht und die tollen Wolkenspiele beobachten, nimmt David den ca. 60 Meter hohen Klettersteig zum Gipfel des Türml auf 2.845 Metern in Angriff. Wir anderen schauen zu, wie er rasch an Höhe gewinnt. Schon nach kurzer Zeit ist er oben am Gipfel und wir machen uns auf den weiteren Weg vom Joch weg hinab in das Hinterbichler Dorfertal. Über meist nur mäßig geneigte Hänge gelangen wir Meter für Meter hinab.

Das Wetter hält und zusammen mit den dahin ziehenden Wolken und dem ständigen Wechsel der Lichtverhältnisse entsteht eine tolle geheimnisvolle Atmosphäre. Auf dem Weg hinab treffen wir das zehnte Mitglied unserer Gruppe. Armin und Heidrun, die am Vortage von ihm in Mitternsill vom Bahnhof abgeholt wurde, kommen uns entgegen. Nun ist unsere Wandergemeinschaft komplett. Armin jedoch wird uns am späten Nachmittag wohl mit schwerem Herzen wieder verlassen. Gemeinsam erreichen wir gegen 14:00 Uhr die Johannishütte in einer Höhe von 2.121 Metern.

Tag 3: Von der Johannishütte zur Sajat Hütte

Auf der heutigen Etappe wollen wir über die Sajatscharte zur Sajathütte gelangen. Die Sajathütte, das Ziel für Heute, ist eine 2001 neu errichtete private Berghütte in der Venedigergruppe. Sie liegt auf einer Höhe von 2.575 Metern südlich des Großvenedigers oberhalb der Gemeinde Prägraten in Osttirol in Österreich. Sie ist im Laufe des Jahres 2001 von Stefan Kratzer neu erbaut worden, nachdem eine Lawine die von seinem Vater Friedl Kratzer im Jahre 1974 errichtete und mehrfach erweitere alte Sajathütte in der Nacht zum 21. April 2001 völlig zerstört hatte. Die Einweihung der neuen Sajathütte fand am 28. Juli 2002 statt.

Der Tag beginnt mit starker Bewölkung. Die Wolken hängen tief in den Bergen. Meter für Meter steigen wir zur Sajatscharte bergauf. In Serpentinen geht es zügig nach oben.

In einer stark steinschlaggefährdeten Rinne, die Schernersschlucht, wird uns durch ein Hinweisschild empfohlen, diese Stelle ohne Unterhaltung und zügig zu passieren, da hier ein ständiger Abgang von Geröll droht. 2006 war dieser Übergang mehrfach wegen akuter Steinschlaggefahr gesperrt. Die Schernersschlucht mit dem Steilabfall in das tiefe Hinterbichler Dorfertal erfordert wegen des recht schmalen in den Fels gehauenen Weges etwas Mut. Der Aufstieg zur Sajatscharte erfordert absolute Trittsicherheit und die Beherrschung unwegsamen Geländes. In der Scharte auf 2.750 Meter Höhe machen wir eine kurze Pause. Es ziehen die Wolken und es ist kühl. Ein erster Blick ergibt sich zur Sajathütte, unserer heutigen Station.

Hinter der Scharte geht es sehr steil hinab. Am Wegesrand können wir schon den Einstieg zum Klettersteig zur Roten Säule begutachten. Den meisten wird schon ein wenig mulmig zu Mute, denn wenn das Wetter hält, möchten wir uns an diesem Klettersteig versuchen. Nun nur noch ein paar Meter hinab und schon gegen 11 Uhr erreichen wir das Schloss in den Bergen, wie die Sajathütte auch genannt wird, und richten uns ein.

Ein ganz besonderer Nachmittag steht nun an: Die Rote Säule mit ihren 2.879 Metern - unser erster Klettersteig. Diese Begehung ist ein ganz besonderes Erlebnis, neu, spannend, schön.          .... und das Wetter spielt auch mit. Also legen wir unsere Ausrüstung bestehend aus Klettergurt, Klettersteigset und natürlich dem Helm an und gehen die wenigen Höhenmeter zum Einstieg des Klettersteigs. Für die, die ihre Ausrüstung nicht im Rucksack bei sich tragen, gibt es in der Hütte die Möglichkeit, das Erforderliche auszuleihen.

Das Geübten vorbehaltene Klettererlebnis beginnt auf einem aalglatten Fels. Schon am Einstieg befindet sich, wie wohl auf Klettersteigen üblich, die schwierigste Passage. Schwindelfreiheit und Selbstsicherheit, aber vor allem viel Kraft in den Armen sind erforderlich, um die 14 Meter lange und 3 Meter überhängende Leiter zu überwinden. Was für ein Weg! Das ist eine Herausforderung, die unglaublich viel Spaß mit sich bringt.

Alle haben wir auf unterschiedlichen Wegen den Gipfel erreicht und genießen das ausgiebig und vielleicht auch ein wenig stolz? Auf dem Weg war jeder ein Einzelkämpfer, am Gipfel ist es ein gemeinsames Erleben. Gemeinsam gehen wir über den Normalweg zurück und können heute noch die Sonne vor der Hütte genießen und das Erlebte nachklingen lassen.

Tag 4: Auf der Sajat Hütte

Der Tag heute beginnt nicht mit dem Packen unserer Siebensachen, da wir auf der Sajathütte eine weitere Nacht verbringen werden. Heute  starten wir mit leichtem Rucksack gegen 9.00 Uhr in Richtung Kreuzspitze. Zunächst geht es gemütlich in den Talkessel hinein in eine unwirklich pflanzenarme Umgebung. Hier und da erkennen wir Spuren von Gämsen. Sie selbst zeigen sich jedoch nicht. Schließlich stehen wir vor einer fast senkrechten Wand, die zu überwinden ist. Einige Dutzend Höhenmeter müssen nun über die seilversicherte Wand in Richtung Schernerskopf emporgestiegen werden.

Über den Schernerskopf auf 3.043 Metern geht es zur Kreuzspitze auf 3.164 Meter. Auch hier ist der Weg zum Teil seilversichert, birgt aber keine Schwierigkeiten. Sogar in dieser kargen Gegend finden sich blühende Farbtupfer wie das Leinkraut. Hier in der Höhe ist es sehr kalt, die Sonne wird häufig verhüllt. Die Wolken ziehen - nach Norden geben sie uns keine Blicke frei, nach Süden Richtung Tal und Hütte lassen sie immer mal wieder kurze Blicke zu.

Auf dem Gipfel teilt sich die Gruppe. Ein Teil geht zurück zur Hütte, der Rest weiter über den Grat über den Hinteren Sajatkopf auf 3.098 Metern zum Vorderen Sajatkopf  auf 2.913 Metern. Der Weg ist zum Teil seilversichert und stellenweise recht ausgesetzt. Unangenehm ist das zum Teil brüchige Gestein in einigen Passagen. Trotzdem ist es ein schöner Weg, der die Konzentration fordert. Am Vorabend wurden wir vom Wirt angemahnt, gerade hier Obacht zu geben, weil es an diesem vermeintlich einfachen Weg schon zu Unfällen gekommen ist. Am vorderen Sajatkopf angekommen, fängt es nun leider leicht an zu regnen.

Tag 5: Von der Sajat Hütte zur Bonn-Matreier-Hütte

Bei leichtem Regen starten wir heute, nicht sehr nass, aber kalt. Aber auch dieser Tag hält einige schöne Momente für uns bereit. So treffen wir auf unserem ersten Teilstück des Venediger Höhenweges auf eine große Gruppe von Gämsen. Die Bonn-Matreier-Hütte ist das Ziel dieser Etappe. Sie ist eine Alpenvereinshütte des Österreichischen Alpenvereins und des Deutschen Alpenvereins in der Venedigergruppe. Die Hütte liegt im Nordwesten der Gemeinde Virgen. Von 1884 bis 1887 wurde in Südtirol die Bonner Hütte gebaut, welche 1919 von Italien enteignet wurde. Als Ersatz für die verlorene Hütte in Südtirol errichtete die Sektion Bonn des Deutschen Alpenvereins gemeinsam mit der Sektion Matrei des Österreichischen Alpenvereins, die wegen der damaligen schlechten wirtschaftlichen Situation einen Partner suchte, 1931/32 die Bonn-Matreier-Hütte. Sie konnte am 14. August 1932 ihrer Bestimmung übergeben werden. Dies ist die bislang einzige deutsch-österreichische Hüttengemeinschaft, die über alle Wirren der Zeit Bestand gehabt hat. Unterhalb der Sajatköpfe steigen wir zum Talboden des Timmeltals hinab. An sich ist es ein schöner Weg, doch leider fehlt uns die Sicht. Der Ausblick von hier oben sollte eigentlich eine tolle Aussicht auf das Virgental und den Lasörlingkamm gegenüber bieten. Vom Eselsrücken aus können wir schon die Bonn-Matreier-Hütte ausmachen, aber der Blick täuscht. Es geht erst noch einmal steil herunter und dann wieder hinauf.

Bei Ankunft auf der Hütte gegen 13.00 Uhr zeigt das Thermometer knapp über 6 Grad Celsius. In dieser Hütte werden wir außergewöhnlich freundlich mit einem Marillenbrand begrüßt und auch weiterhin überaus zuvorkommend behandelt. Das Abendbüfett ist sterneverdächtig und so einen freundlichen Service findet man auf Hütten nicht allzu oft. Nach einer Pause besteigen wir zu sechst den Rauhkopf mit seinen 3.070 Metern, unser Ziel für den Nachmittag. Die "abwechslungsreiche Bergwanderung" entpuppt durchaus als anspruchsvoll.

Tag 6: Von der Bonn-Matreier-Hütte zur Badener Hütte

Das Schlemmen beim gestrigen ausgezeichneten Abendbüfett wird heute Morgen mit einem erstklassigen Frühstücksbüfett fortgesetzt. Mit übervollem Magen brechen wir gegen 8.00 Uhr zur Badener Hütte auf. Unser Weg führt nahe an der kleinen Felsenkapelle in unmittelbarer Nähe der Hütte entlang. Die Tafeln am Eingang der Kapelle weisen auf die vielen Verunglückten in diesem Gebiet hin. Das ist schon ein wenig bedrückend.

Der Weg führt zur Galtenscharte in 2.882 Metern Höhe hinauf. Da der Weg sehr steinschlaggefährdet ist, bleiben wir nahe beieinander. Vor dieser Passage wird angeraten, die Hüttenwirte der Region zu befragen, ob die Wetterverhältnisse und die örtlichen Gegebenheiten eine Begehung überhaupt zulassen.

Wir sind gut in der Scharte angekommen, stehen in den Wolken und werfen einen letzten Blick in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Es ist ungemütlich hier oben und so gehen wir bald weiter. Die andere Seite der Galtenscharte erfordert unsere ganze Konzentration. Schmale Wege, oft seilversichert. Teilweise liegen Restseile auch einfach nur am Weg herum. Es ist sandig, steil, alles Gestein ist lose. Mehr als gut vorstellbar, dass diese Passage steinschlaggefährdet ist. So zügig wie möglich, nahe beieinander, bewältigen wir dieses Teilstück des Weges. Es ist ein konzentriertes Gehen, für sich selbst und für die anderen.

Auf 2.200 Meter Höhe geht es hinab ins Tal, um dann wieder den langgezogenen Höhenweg aufzusteigen. Die Sonne zeigt sich heute nicht und die Wolken sehen auch nicht besonders freundlich aus. Am Achselsee auf 2.225 Metern pausieren wir an einer windgeschützten Stelle, um danach die restlichen Höhenmeter bis zu Badener Hütte auf 2.608 Meter anzugehen.

Die Badener Hütte der Sektion Baden des Österreichischen Alpenvereins wird von Mitte Juni bis Mitte September bewirtschaftet. Außerhalb der Bewirtschaftungszeit der Hütte steht ein Winterraum zur Verfügung. Wir erreichen die Hütte mit den ersten Regentropfen, das Thermometer zeigt 2 Grad Celsius. Auf den ersten Blick wirkt die Badener Hütte nicht einladend. "Das Grauen hat einen Namen", so David. Die Wäsche erfolgt mit eiskaltem Wasser und der Blick auf die schmalen Lager lässt uns böses für die Nacht erahnen.  Kurzerhand ziehen Annette, Wolfgang, Dagmar und ich in das letzte verfügbare 4-Bett-Zimmer um. Hier lässt es sich gut aushalten. Mit der Aussicht auf eine entspannte Schlafgelegenheit wird uns die Hütte gleich angenehmer. Und die Wirtin ist wirklich bemüht und freundlich.

Heinrich und Martin entscheiden, morgen die Gruppe zu verlassen und zur Neuen Prager Hütte zu gehen, um dort das gelagerte Material von Heinrich abzuholen. Martins Planung sah von Anfang an vor, die Gletscherbegehung zum Großvenediger nicht mitzumachen und Heinrich entscheidet sich aufgrund seines körperlichen Befindens zu diesem Schritt.

Tag 7: Auf der Badener Hütte – Aufstieg zur Kristallwand

Heute heißt es Abschied nehmen von Heinrich und Martin. Warm eingepackt, denn es geht ein starker Wind, machen sich die beiden auf den Weg. Ein erstes Stück werden sie vom Großteil der Gruppe begleitet. Diese hat den Wildenkogel mit 3.021 Metern als Tagesziel. Da alle erst einmal Richtung Lobbentörl gehen, ist es ein Abschied auf Raten.

Dagmar, David und ich sagen schon an der Hütte "Auf Wiedersehen", da unser Ziel heute die Kristallwand ist. Wir lassen uns Zeit und brechen erst um 9.15 Uhr zu unserer Wanderung auf. Der Wind ist zwar sehr stark, aber ganz so kalt wie gestern ist es nicht, denn die Sonne mit ihren Strahlen bringt Wärme. Zunächst einmal gehen wir auf dem gleichen Weg wie gestern, um dann später Richtung Klettersteig zur Kristallwand abzubiegen.  Auf dem Weg entdecken wir Schneehühner. Mit uns haben  sie bei diesen Windverhältnissen bestimmt nicht gerechnet.

Die anderen haben sich gegen die Tour entschieden, da sie keine Ausrüstung für den Klettersteig mit sich führen und sie aufgrund der Windverhältnisse die Kletterei ohne Sicherung nicht riskieren wollen. Eine zweite Möglichkeit zum Gipfel führt über den Gletscher und dieser verbietet sich ohne entsprechende Ausrüstung für uns alle von selbst.

Wir stehen um 12.00 Uhr auf dem Gipfel in 3.329 m Höhe. Mit großartigen Blicken in alle Richtungen werden wir für unsere Mühen belohnt. Unser morgiges Tagesziel, die Neue Prager Hütte, können wir auch schon ausmachen. Über den Grat spazieren wir noch zu einem zweiten Kreuz. Blicke zurück und nach vorne - was immer uns die Wolken preisgeben. Auch an dem Rückweg erfreuen wir uns, lassen uns Zeit - ein Traumtag.

Aber auch diese schöne Tour geht leider zu Ende und wir sitzen gegen 15.00 Uhr zufrieden vor der Hütte, genießen die Sonne, den Tee bzw. den Kaffee, den Kuchen und das Erlebte. Die zweite Gruppe kommt nach uns zur Hütte zurück. Auch ihre Tour war wohl sehr schön. Leider ist Andrea umgeknickt und hat sich dabei verletzt. Sie ist noch zwei Stunden zur Hütte zurück gelaufen, kühlt jetzt erst einmal ihren Außenknöchel und bekommt danach von Heidrun einen Verband angelegt. Und nun heißt es abwarten, was die Nacht bringt.

Tag 8: Von der Badener Hütte zur Neuen Prager Hütte

Andreas Fuß ist über Nacht nicht besser geworden, sie muss leider absteigen. Begleitet von Wolfgang geht sie soweit hinunter, bis sie von der Bergrettung mit dem Jeep aufgenommen werden kann. Von der Bergrettung erfährt Wolfgang von einer drohenden Gewitterfront und kommt mit den Worten "In einer Viertelstunde brechen wir auf!" zurück auf die Hütte. Im Eiltempo starten wir um 9.45 Uhr zum Lobbentörl auf 2.770 Meter.

Unsere heutige Etappe führt uns zur Neuen Prager Hütte, auf der wir zwei Nächte verbringen wollen. Bis zum Lobbentörl haben wir es im Trockenen geschafft, aber das ändert sich jetzt. Es ist dicht gezogen, feucht, die Markierungen halten sich vor uns im Nebel verborgen. Die "Feuchtigkeit" wechselt zu handfestem Regen der bis zu Prager Hütte auch nicht mehr aufhört. Als wir auf der Neuen Prager Hütte ankommen sind alle bis auf die Knochen durchweicht. Aufgrund der Wetterprognose verbleiben wir auf Anraten unseres Bergführers Ernst, einen Tag länger auf der Neuen Prager Hütte und legen am nächsten Tag einen Ruhetag ein.

Tag 9: Auf der Neuen Prager Hütte

Den Vormittag, wettertechnisch nun doch besser als erwartet, nutzen wir zum Trocknen unserer Sachen und zum Genießen der wärmenden Sonne. Die Neue Prager Hütte liegt auf 2.796 Metern Meereshöhe südöstlich des Großvenedigers. Sie wurde in den Jahren 1901/03 unter maßgeblicher Beteiligung von Johann Stüdl aus Prag errichtet und am 9. August 1904 feierlich eingeweiht. 2004 feierte die Hütte ihr 100-jähriges Bestehen.

In Hinsicht auf die morgige Gletschertour, üben wir nun noch einmal die Handgriffe, die zur Spaltenbergung erforderlich sind. Wir stellen fest, dass wir über die Systematik nicht mehr ganz so sicher sind, aber gemeinsam  kriegen wir das schon irgendwie hin. Nachmittags besteigen wir den 2.897 m hohen Hinteren Kesselkopf, den Hausberg der Hütte mit leichter Kletterei. Der Ausflug zum Gipfel ist recht kurz. Hier oben haben wir eine Superaussicht. Die Vorfreude auf den nächsten Tag wächst.

Tag 10: Von der Neuen Prager Hütte zum Großvenediger

Wir frühstücken um 5.00 Uhr und machen uns dann startklar. Das erste zarte Rot ist schon im Osten zu sehen. Wir brechen kurz vor 6.00 Uhr von der Hütte bei sternenklarem Himmel auf. Ruhig gehen wir in die Dunkelheit, begleitet von guten Wünschen von Liselotte, Gerd und Tino, dem Hüttenwirt der Neuen Prager Hütte. In Richtung Osten ist vor dem beginnenden Sonnenaufgang die markante Silhouette des Großglockners auszumachen.

Über grobes Blockwerk erreichen wir schon nach kurzer Zeit die ersten Schneefelder. Am Horizont geht nun die Sonne auf. Er erhebender Augenblick. Schnell erobert sich der junge Morgen das Terrain. Im beginnenden Licht des neuen Tages legen wir die Steigeisen an und binden uns zu einer Seilschaft zusammen. Ernst gibt noch einige Anweisungen und Tipps und dann geht es los.

Der Weg führt uns über das Schlatenkees zum Großvenediger. Nicht endendes Weiß, eine majestätische Schönheit, für die es gar nicht die richtigen Worte gibt. Vorbei an beeindruckenden Gletscherspalten bewegen wir uns Schritt für Schritt in einer ganz Eigenen Welt. Der kalte Gletscherwind weht uns heftig ins Gesicht und es ist so früh am Morgen noch relativ kalt.

Der Name Großvenediger wird erstmals 1797 in einem Protokoll einer Grenzbeschau erwähnt. Bis dahin war der Berg als Stützerkopf bezeichnet worden. Über die Herkunft des Namens herrscht Unklarheit, so soll er sich von hier durchziehenden Händlern, den Venedigern, herleiten. Weiter ist auch die Fernsicht bis nach Venedig eine oft erwähnte, mittlerweile aber widerlegte Theorie. Der Großvenediger, die „weltalte Majestät“ wie er auch genannt wird, ist der stark vergletscherte Hauptgipfel der Venedigergruppe in den Hohen Tauern mit einer Höhe von 3.667 Metern. Er ist der vierthöchster Berg in Österreich.

1828 scheiterte eine Expedition von 17 Männern, darunter auch Erzherzog Johann, beim Versuch den Gipfel zu erreichen. Erst 40 Jahre nach der Erstbesteigung des Großglockners erreichte am 3. September 1841 eine von Josef Schwab geführte Gruppe den Gipfel. Mit dabei waren u.a. Ignaz von Kürsinger, Paul Rohregger und die Doktoren Anton von Ruthner und Spitaler. Ausgangspunkt der Besteigung war Neukirchen am Großvenediger. Der Weg führte durch das Obersulzbachtal über die Stierlahnerwand. Von den 40 beteiligten Männern erreichten immerhin 26 den Gipfel, die anderen blieben wegen Müdigkeit zurück.

"Man muss dankbar sein, das schauen zu dürfen“ sagt Ernst.  Damit spricht er uns aus der Seele. Auf dem letzten Stück des Weges ist es nicht mehr ganz so einsam. Die vielen Seilschaften, die vom Defreggerhaus aufsteigen, ziehen auch hier entlang.

Gegen 9:30 Uhr erreichen wir den Gipfel des Großvenedigers. Um das Abschmelzen der Schneekuppe und der damit einhergehenden Verkleinerung des Gipfelaufbaus entgegen zu wirken, wurde der Standort des Gipfelkreuzes kurzerhand verkleidet um ihn vor der Sonne zu Schützen. Ein paar Jahre wird es so wohl noch stimmen, dass der Großvenediger 3.667 Meter hoch ist. Der Schönheit der Welt tut das keinen Abbruch. Der traumhafte Blick reicht vom Watzmann, der Zugspitze, dem Dachstein bis hin zu Ortler und Dolomiten. Ernst erklärt uns die einzelnen Berge aber das beeindruckende Gesamtbild dieser grandiosen Kulisse ist unvergesslich genug.

„Was möchtet Ihr nun?“ fragt Ernst uns. Er richtet sich voll nach unseren Wünschen. So wählt er nicht direkt den Weg zum Defreggerhaus. Über den Oberen Keesboden des Schlatenkees gehen wir nun in Richtung Rainerhorn. Das Rainerhorn, bis 1859 Hennekopf genannt, ist 3560 Meter hoch. Das Horn ist der zweithöchste Berg der Venedigergruppe und beherrschender Gipfel der Gletscherregion „Hohes Gletscherdach“. Zuerst bestiegen wurde das Rainerhorn am 10. August 1859 durch Franz Keil und Dr. Ignaz Wagl, die dem Berg seinen heutigen Namen zu Ehren des Erzherzogs Rainer von Österreich gaben. Der Weg der Erstbesteiger führte von Osten über den Oberen Keesboden und der westlichen Firnkante des Berges zum Gipfel. Das Rainerhorn ist nur über Gletscher im Rahmen von Hochtouren erreichbar. Das heißt, dass eine für Gletscherbegehungen angemessene Ausrüstung und Erfahrung erforderlich ist.

Vom Rainerhorn steigen wir Richtung Schwarze Wand ab und ziehen an dieser vorbei über das „Hohe Gletscherdach“. Das „Hohe Gletscherdach“ stellt die größte zusammenhängende Gletscherfläche Österreichs dar. Wir begegnen hier keinem anderen Menschen. Stundenlang könnten wir so weitergehen. Langsam wird der Schnee in der hochstehenden Sonne weicher. Über das Mullwitzkees steigen wir in Richtung des Defreggerhauses ab.

An einem Gletscherteich verabschiedet Ernst sich von uns und macht sich auf den Heimweg. Wir selbst machen eine ausgiebige Pause, ehe  auch wir Sieben uns auf den Weg zum Defreggerhaus machen.

Das Defreggerhaus überzeugt uns leider nicht gerade durch Freundlichkeit und eine gute Küche, aber es ist ja der letzte Abend. Und dieser Abend bietet uns noch ein echtes Highlight. Vier Wanderer aus Itzehoe schnappen sich die Hüttengitarre stimmen das eine oder andere Lied an. Wir und ein paar andere Hüttengäste begleiten sie eher lautstark als besonders schön und der Abend geht noch weit über die Hüttenruhe hinaus. Ein schöner Abschluss für einen schönen Tag.

Tag 11: Vom Defreggerhaus nach Hinterbichl

Heute, am letzten Tag unserer Tour, steht nur noch der Abstieg nach Hinterbichl auf dem Programm. Da uns die Küche des Defreggerhauses nicht gerade überzeugt hat, lassen wir hier das Frühstück ausfallen und hoffen, dass wir auf der Johannishütte schon etwas bekommen. Schon nach einer Stunde kommen wir zur Johannishütte, auf der wir ja schon zum Anfang der Tour Station gemacht haben. Auf der Terrasse wird erst einmal ausgiebig gefrühstückt. Von Eiern mit Speck über Großvenedigertoast bis hin zu Apfelstrudel. Hier ist frühmorgens schon alles zu bekommen.

Nach dieser Rast geht es nun weiter talauswärts. Der Weg führt an einem sich noch in Betrieb befindlichen Steinbruch vorbei. Hier wird Serpentin, ein grünlich-schwarzes Gestein, abgebaut. Es wird vornehmlich zu Fliesen im sanitären Bereich oder für die Garten- oder Terrassengestaltung weiterverarbeitet. Schon gegen Mittag treffen wir in Hinterbichl ein und füllen erst einmal unsere Flüssigkeitsspeicher auf der sonnigen Terrasse des Islitzer Gasthofs.

Wir freuen uns, in Hinterbichl alle unsere Bergfreunde, Andrea, Armin, Heinrich und Martin, wieder zu treffen. Es gibt viel zu erzählen. Dank der hervorragenden Organisation durch Armin und Gila blicken wir zurück auf eine gelungene, wunderschöne Hüttentour, in einer Gruppe, die immer mehr zusammenwächst. Ganz herzlichen Dank an die Beiden und an die ganze Gruppe. Es war eine großartige Zeit. Wir hatten gemeinsam wieder viele erlebnisreiche und spannende Tage! Es hat uns allen wieder viel Spaß gemacht. - Und wer weiß? - Vielleicht kommen wir einmal wieder  – in das Reich des Tauernfürsten.